Sehr geehrte Unterstützer/Interessierte,
die Stadt Köln steht beim Thema Drogenpolitik vor einer der größten sozial- und ordnungspolitischen Herausforderungen der vergangenen Jahrzehnte. Die aktuellen Entwicklungen rund um den Neumarkt haben deutlich gemacht: Wegschauen, Verdrängen und das Verschieben notwendiger Entscheidungen sind keine Option mehr.
Die nun eingeleiteten Maßnahmen und Ratsbeschlüsse markieren endlich den Versuch, ein Problem anzugehen, das über viele Jahre politisch verwaltet, aber nicht nachhaltig gelöst wurde.
Bereits 2016 hatte der Rat der Stadt Köln die Schaffung eines dezentralen Suchthilfesystems beschlossen, um insbesondere den Neumarkt zu entlasten und eine menschenwürdigere sowie stadtverträglichere Lösung zu schaffen. Zehn Jahre später muss jedoch die berechtigte Frage gestellt werden:
Warum wurde dieser Beschluss nie konsequent umgesetzt?
Die Realität ist eindeutig:
Die Konzentration der offenen Drogenszene rund um den Neumarkt hat über Jahre zu einer massiven Überforderung des öffentlichen Raums geführt – mit erheblichen Folgen für Anwohner, Gewerbetreibende, Beschäftigte und Besucher der Innenstadt.
Die Einrichtung des Drogenkonsumraums in der Lungengasse hat dabei nicht die erhoffte Entlastung gebracht. Im Gegenteil: Viele Menschen im direkten Umfeld haben eine zusätzliche Belastung erlebt. Diese Erfahrungen dürfen in der aktuellen Debatte nicht ausgeblendet oder relativiert werden.
Wer heute ein neues Suchthilfekonzept entwickeln will, muss auch bereit sein, die Fehler der Vergangenheit offen zu analysieren. Nicht zur politischen Abrechnung, sondern aus Verantwortung gegenüber der Stadtgesellschaft.
Denn erfolgreiche Drogenpolitik braucht Ehrlichkeit.
Ehrlichkeit darüber, was funktioniert hat – und was eben nicht.
Als Bürgerinitiative Zukunft Neumarkt e. V. begleiten wir diese Entwicklung seit fast einem Jahrzehnt. Wir haben erlebt, wie politische Entscheidungen getroffen, Maßnahmen angekündigt und Konzepte präsentiert wurden. Ebenso haben wir erlebt, welche Auswirkungen diese Entscheidungen konkret vor Ort hatten.
Deshalb halten wir es für unverzichtbar, dass die Erfahrungen der betroffenen Stadtgesellschaft endlich ernsthaft in die zukünftige Ausgestaltung einbezogen werden.
Unstrittig ist: Suchthilfe bleibt eine gesellschaftliche Verpflichtung. Menschen mit Suchterkrankungen benötigen Hilfe, Schutz und Perspektiven. Doch ebenso legitim ist das Recht der Bürgerinnen und Bürger auf Sicherheit, Ordnung und Lebensqualität im öffentlichen Raum.
Beides gegeneinander auszuspielen, wäre politisch falsch.
Die deutliche Verbesserung der Situation am Neumarkt in den vergangenen Monaten zeigt zudem, dass konsequentes staatliches Handeln Wirkung entfalten kann. Der Einsatz der Polizei hat maßgeblich dazu beigetragen, verlorenes Sicherheitsgefühl zurückzugewinnen. Dafür gebührt den eingesetzten Kräften Anerkennung und Dank.
Gleichzeitig darf Sicherheitspolitik allein jedoch keine dauerhafte Antwort bleiben. Köln braucht endlich ein tragfähiges, gesamtstädtisches und langfristig angelegtes Suchthilfekonzept.
Genau deshalb ist die aktuelle Standortdebatte so entscheidend. Natürlich regt sich Widerstand überall dort, wo konkrete Einrichtungen entstehen sollen. Das ist menschlich nachvollziehbar. Doch eines muss klar sein:
Die Herausforderungen der offenen Drogenszene sind kein Problem einzelner Veedel.
Es handelt sich um eine gesamtstädtische Verantwortung.
Wer Suchthilfe grundsätzlich befürwortet, darf sich der konkreten Umsetzung nicht verweigern, sobald sie vor der eigenen Haustür stattfinden soll.
Bereits der Ratsbeschluss vom August 2025 hat fraktionsübergreifend den politischen Willen formuliert, ein umfassendes Suchthilfezentrum als Teil einer neuen Gesamtstrategie zu schaffen. Damit wurde ein Weg beschrieben, der unabhängig von parteipolitischen Konstellationen Bestand haben muss.
Denn gesellschaftliche Probleme dieser Größenordnung dürfen nicht länger abhängig von Wahlterminen, Stimmungsbildern oder taktischen Mehrheiten gemacht werden.
Köln steht jetzt an einem entscheidenden Punkt:
Entweder gelingt der Stadt ein mutiger, realistischer und gesamtstädtisch getragener Neuanfang — oder sie wiederholt die Fehler der vergangenen zehn Jahre.
Es wird kein einfacher Weg.
Es wird ein politischer, gesellschaftlicher und organisatorischer Hindernislauf.
Aber dieser Hindernislauf muss zum Erfolg führen.
Denn Köln braucht kein weiteres Symbolmanagement.
Köln braucht endlich ein funktionierendes gesamtstädtisches Erfolgskonzept.
Für den Gesamtvorstand
Walter Schuch